Mythen rund ums Trinkwasser

Mythen rund ums Trinkwasser
Unser Trinkwasser
Mythen rund ums Trinkwasser

Zu kaum einem Lebensmittel finden sich mehr Weisheiten, Ratschläge und Belehrungen als zum Wasser aus dem Hahn. Hier gibt es Antworten!

Wird Trinkwasser aus Abwasser gewonnen?
Ein Großteil des sogenannten Rohwassers (der „Rohstoff“ für Trinkwasser bzw. Leitungswasser) in Deutschland muss gar nicht oder nur geringfügig aufbereitet werden. Schutzvorschriften für ausgewiesene Trinkwasserschutzgebiete sorgen dafür, dass kaum Schadstoffe in das Rohwasser gelangen, aus dem Trinkwasser gewonnen wird. Nur wenn das geförderte Wasser nicht alle Qualitätsanforderungen erfüllt, wird es im Wasserwerk aufbereitet. Auf seinem Weg von der Quelle bis zum Wasserhahn und zurück in die Natur durchläuft das Wasser verschiedene Ebenen der Aufbereitung. Zunächst durchdringt das Wasser verschiedene Bodenschichten und wird so zu einem großen Teil auf natürliche Weise gereinigt. Dies ist vor allem bei Grundwasser der Fall. Um im Wasserwerk gegebenenfalls unerwünschte Stoffe zu entfernen, werden weitere Verfahren verwendet, die der Natur nachempfunden sind, zum Beispiel Sandfilter. Nach der Nutzung wird das Abwasser in Kläranlagen gereinigt und der Natur wieder zugeführt. Nach dem Klärprozess ist es so sauber, dass es den Wasserkreislauf nicht belastet.

Sollten wir Wasser sparen?
Schauspieler Leonardo DiCaprio soll sich aus Sorge um die globalen Wasserreserven nur sehr selten duschen. Von den Auswirkungen für seine Mitmenschen einmal abgesehen: Leider hilft dieses Engagement den trinkwasserarmen Regionen dieser Welt nicht. Während Hilfsmaßnahmen vor Ort unbedingt gefördert werden sollten, gibt es in unseren Breitengraden keinen Grund, Wasser zu sparen. Insbesondere Deutschland ist ein wasserreiches Land: Das jährlich nutzbare Wasserangebot beträgt hierzulande insgesamt circa 188 Milliarden Kubikmeter. Über 80 Prozent des Rohwassers bleibt ungenutzt, nur drei Prozent dienen unserer öffentlichen Wasserversorgung. Zum Verschwenden ist Trinkwasser trotzdem zu schade. Schließlich ist es ein hochwertiges Produkt, das heißt ein bewusster Umgang sollte selbstverständlich sein.

1,5 Liter Flüssigkeit am Tag – gilt das für jeden und immer?
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt Erwachsenen, täglich etwa 1,5 Liter Flüssigkeit und Kindern je nach Alter zwischen einem und 1,5 Litern zu trinken. Dies sind aber nur Richtwerte. Wie viel Flüssigkeit jeder einzelne tatsächlich benötigt, hängt von Körpergröße und Gewicht, ebenso wie von äußeren Umständen und der Ernährung ab. Etwa ein Drittel unseres Wasserbedarfs wird über Lebensmittel wie Obst und Gemüse oder Speisen wie Suppen und Soßen gedeckt. Der Wasserbedarf kann sich bei starker körperlicher Anstrengung und großer Hitze sogar um bis zu einem Liter Flüssigkeit pro Stunde erhöhen.

Ist es unhöflich im Restaurant Leitungswasser zu bestellen?
Trinkwasser aus der Leitung ist ein idealer Durstlöscher – auch im Restaurant. Hier gehört es aber in Deutschland – anders als in vielen Urlaubsregionen – selten zum Getränkeangebot. Eine TNS Emnid-Umfrage unter Gastronomen im Auftrag des Forum Trinkwasser zeigt: Viele Gäste scheuen beim Restaurantbesuch davor zurück, Trinkwasser zu bestellen – entsprechend selten bieten Gastronomen es von sich aus an. 83 Prozent der befragten Wirte sind aber gerne bereit, Trinkwasser zu servieren. Man kann also davon ausgehen, dass sie eine Bestellung nicht als unhöflich empfinden. Am einfachsten wäre es, wenn Trinkwasser zu einem vernünftigen Preis auf die Karte zu den vorhandenen Getränkeangeboten gesetzt würde, empfiehlt das Forum Trinkwasser.

Hilft Wassertrinken beim Abnehmen?
Der häufige Konsum von Limos, mit Zucker gesüßten Erfrischungsgetränken oder zuckerhaltigen Fruchtsäften geht erwiesenermaßen vielfach mit einem höheren Körpergewicht einher. Der Tipp für Abnehmwillige: Ersetzt man wenigstens die Hälfte der am Tag zu sich genommenen Getränke durch Trinkwasser aus der Leitung, lassen sich schon viele Kalorien einsparen. Ein Liter Wasser pro Tag statt Cola oder Orangen-Limonade spart bis zu 110 Gramm Zucker und 430 Kilokalorien. „Doch nicht nur das: Studien der Berliner Charité im Auftrag des Forum Trinkwasser zeigen, dass Wasser sogar den Kalorienverbrauch ankurbelt“, weiß Iris Löhlein, Ernährungswissenschaftlerin vom Forum Trinkwasser. „Das Trinken von einem halben Liter Wasser am Morgen erhöht den täglichen Energieumsatz von normalgewichtigen Menschen um circa 50 Kilokalorien.“

Sagt mir mein Urin, ob ich genug getrunken habe?
An der Farbe des Urins kann man erkennen, ob man genug getrunken hat: Ist der Urin dunkelgelb, und riecht intensiv, deutet dies auf eine unzureichende Versorgung hin, also ruhig mal wieder zum Wasserglas greifen. Ist der Urin klar, hellgelb und nahezu geruchsfrei, ist die Wasserversorgung des Körpers gut.

Kann der Flüssigkeitsbedarf auch mit Obst statt Wasser gedeckt werden?
Stimmt nur zum Teil! – Wasserreiche Obst- und Gemüsesorten können Trinkmuffeln helfen, ihren Flüssigkeitshaushalt aufzupolieren. Das sind zum Beispiel Melonen, Orangen, Nektarinen, Ananas und Erdbeeren sowie Gurken, Tomaten und Zucchini. Ganz ersetzt werden kann der Wasserbedarf des Körpers mit dieser gesunden Mischung aber nicht. Am besten immer auf den Durst hören.

Schwächt zugesetztes Fluorid im Trinkwasser unsere Willenskraft?
Verschwörungstheoretiker vermuten, dass deutschem Trinkwasser aus der Leitung Fluorid zugefügt wird. Schon das ist falsch, denn unserem Trinkwasser wird kein Fluorid zugesetzt, dies ist sogar verboten. Fluorid ist natürlicherweise im Wasser vorhanden, die Trinkwasserverordnung (TrinkwV) legt hierfür einen Grenzwert von 1,5 mg/Liter fest. Das sehen Verschwörungstheoretiker ganz anders. Ihrer Meinung nach erfolgt klangheimlich eine „Zwangs-Fluoridierung“ zum Beispiel zu Gunsten der Zuckerlobby, denn da Fluorid gegen Karies wirkt, sollen mehr Menschen ohne Bedenken Süßigkeiten essen können. Großangelegte Verschwörungstheorien behaupten sogar, dass die Zwangsmedikation mit Fluorid unsere Willensstärke schwächen soll. Fakt ist, dass der aktuelle Trinkwasserbericht 2013 in über 2.000 Wasserversorgungsgebieten keine einzige Überschreitung des in der TrinkwV festgelegten Fluorid-Grenzwertes ermittelt hat.

Darf man zu Kirschen Wasser trinken?
Fast jedes Kind kennt diese Weisheit: „ Nach dem Kirschen essen darf man kein Wasser trinken.“ Aber Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Helmut Heseker gibt Entwarnung: „Magenprobleme entstehen durch Gärungsprozesse in Magen und Darm. Auf den Schalen von Kirschen sitzen unter anderem Hefepilze, die Blähungen verursachen. Diese Hefepilze können mit dem Obst durchaus in den Magen gelangen, werden dort aber normalerweise von der reichlich vorhandenen Magensäure rasch vernichtet und unschädlich gemacht“, so der Experte. Da sich früher auch im Trinkwasser Hefepilze befinden konnten, die den beschriebenen Effekt verstärkten, riet man von der Kombination ab. Heute ist das Trinkwasser in Deutschland von so hoher Qualität, dass Wasser auch nach dem Genuss von Steinobst bedenkenlos getrunken werden kann.

Zum Essen trinkt man nicht!
Seit über hundert Jahren ist diese Empfehlung zu hören und hat es sogar in Schulbücher geschafft. Doch dieser Ratschlag ist schlichtweg falsch. Mikrobiologen glaubten damals, dass die Magensäure durch das Trinken während des Essens zu sehr verdünnt wird und es dadurch zu Infektionen und Erkrankungen kommt. Heute weiß man, dass dies nicht der Fall ist und empfiehlt Trinken und Essen zu kombinieren: „Wer zum Essen trinkt, trägt zur Deckung des Wasserbedarfs bei. Auch hilft das Trinken von Wasser, die oft durch Verarbeitungsprozesse konzentrierte Nahrung zu verdünnen. So kann beispielsweise ein regelmäßiger und hoher Verzehr von trockenen Frühstückscerealien ohne ausreichende Flüssigkeitszufuhr zur Entstehung einer Divertikulitis, also einer krankhaften Veränderung der Darmschleimhaut, beitragen“, erläutert Prof. Heseker. Ein zusätzlicher Effekt bei Diäten: Eine Studie der Berliner Charité ergab, dass schon das Trinken von eineinhalb bis zwei Liter Wasser den Energieumsatz um 100 Kilokalorien pro Tag erhöhen kann.

Führt hartes Wasser zu Arterienverkalkung und Nierensteinen?
Hartes Wasser ist ein Wasser mit einem hohen Gehalt an Mineralstoffen, besonders an Magnesium- und Calcium-Ionen – es hat demnach einen hohen Kalkgehalt. Die Hypothesen, dass eine erhöhte Wasserhärte bzw. der Calcium- oder Magnesiumgehalt des Trinkwassers das Risiko für Arteriosklerose und/oder Nierensteine erhöht, sind mehr als 40 Jahre alt. Hierzu stellt Prof. Dr. Heseker fest: „Langzeitstudien in England und Wales haben keine Beweise für diese Annahme geliefert. Auch die Weltgesundheitsbehörde hat die Schlussfolgerung gezogen, dass keine überzeugenden Belege vorliegen, die für einen Einfluss der Wasserhärte auf die Gesundheit – weder im positiven noch im negativen Sinne – sprechen.“  In einer neuen Analyse und Bewertung der Ergebnisse von Studien, die an Nierensteinpatienten durchgeführt wurden, konnte außerdem gezeigt werden, dass eine höhere Flüssigkeitszufuhr das Risiko für erneute Nierensteine reduziert. Auch eine Verminderung eines zuvor hohen Verzehrs von süßen Erfrischungsgetränken reduzierte das Risiko für erneute Nierensteinerkrankungen.

Ist Trinkwasser, das durch Umkehrosmose aufbereitet wurde, gut für die Gesundheit?  
Die Umkehrosmose ist ein Verfahren zur Herstellung von „Reinstwasser“, ursprünglich unter anderem für medizinische Zwecke. „Das direkt aus dem Umkehrosmoseprozess stammende Wasser ist sehr ionenarm – es wird destilliert“, schildert Prof. Dr. Heseker das Verfahren, „Da es sich bei herkömmlichem Trinkwasser bereits um ein hochwertiges Lebensmittel, handelt, ist eine weitere Aufbereitung durch Umkehrosmose nicht erforderlich.“ Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung gibt außerdem zu bedenken, dass: „Die ausschließliche Verwendung von destilliertem Wasser bei einer einseitigen Ernährung zu einer Verarmung des Körpers mit Elektrolyten führen kann.“

Gibt es rechts- und linksdrehendes Wasser?
Die Begriffe rechts- und linksdrehend leiten sich üblicherweise von den chemischen Eigenschaften einer Substanz ab. Man kennt diese Begriffe aus dem Bereich der Milchprodukte, denn hier gibt es zum Beispiel in Joghurt rechts- und linksdrehende Milchsäure, die der Körper unterschiedlich gut verwertet. Aber funktioniert dieser Effekt auch bei Wasser? Herr Prof. Dr. Heseker: „Bei Wasser kann es aufgrund seiner chemischen Struktur nicht zu den Effekten rechts- und linksdrehend kommen und demnach auch nicht zu einer unterschiedlich guten Verwertung von Wasser im Körper.“

Hebt belebtes Wasser die Stimmung und verbessert den Gesundheitszustand?
Obwohl Wassermoleküle nur sehr lockere Bindungen eingehen und äußerst bewegungsfreudig sind, behaupten Hersteller von „Wasserbelebern“ oder Vertreibern von „Belebtem Wasser“, dass sich das Wasser durch die „Belebung“ physikalisch verändert. Hierdurch sollen sich bei Konsumenten das Wohlbefinden, die Stimmung und sogar der Gesundheitszustand verbessern. Prof. Dr. Heseker warnt vor solchen Behauptungen: „Es konnten allerdings mit herkömmlichen wissenschaftlichen Verfahren weder physikalische Veränderungen in diesem „speziellen“ Wasser festgestellt, noch konnte ein wissenschaftlicher Nachweis erbracht werden, dass „belebtes Wasser“ die postulierten biologischen oder physikalischen Wirkungen tatsächlich hat.“ Grundsätzlich rät der Wissenschaftler Verbrauchern vorsichtig zu sein, wenn Aussagen zum Wasser getroffen werden, die zu gut klingen, um wahr zu sein. Denn auch laut dem Lebensmittel- und Futtergesetzbuch (LMBF) ist es verboten, Aussagen zur Gesundheitswirkung von Lebensmitteln zu treffen, die nicht bewiesen sind.

Ist Sauerstoff-Wasser ein Power-Elixier?
Die Werbung verspricht, dass sauerstoffangereichertes Wasser für Vieles gut ist. Ernährungsexperten können das nicht bestätigen. Prof. Dr. Helmut Heseker erklärt, warum es wenig Sinn macht, Sauerstoff zu „trinken“: „Unsere Lunge verfügt über eine große Überkapazität, um uns mit lebensnotwendigem Sauerstoff zu versorgen. Dazu brauchen wir unseren Darm nun wirklich nicht.“ Auch bei Hochleistungssportlern wird die Leistungsfähigkeit nicht durch die Zufuhr von Sauerstoff in den Körper limitiert, sondern von der begrenzten Fähigkeit den vom Körper aufgenommenen Sauerstoff mit Hilfe der roten Blutkörperchen in die Muskelzellen zu transportieren.

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