Warum nicht einfach Salzwasser?

Noch nie wurde so intensiv über knapper werdende Trinkwasserressourcen berichtet wie in diesem Sommer. Noch nie haben so viele Versorger zum sorgsamen Umgang mit der Ressource aufgerufen wie in diesem Jahr. Wenn die bisher genutzten Trinkwasserressourcen geschont werden müssen, warum dann nicht über eine Wassergewinnung aus Meerwasser nachdenken? Salzwasser gibt es schließlich genug und Länder wie Israel oder Malta zeigen, dass man nahezu seine komplette Trinkwasserversorgung auf Meerwasserentsalzungsanlagen aufbauen kann.

Aktuell gibt es weltweit mehr als 20.000 Entsalzungsanlagen. Die meisten davon stehen in den Staaten des Mittleren Ostens und Nordafrikas, angewendet wird die Technologie aber mittlerweile an den Küsten aller Kontinente mit Ausnahme der Antarktis. Tatsächlich steht seit 1990 auch in Helgoland eine Umkehrosmoseanlage, mit deren Hilfe Trinkwasser für die Insel erzeugt wird. Und vor dem Hintergrund des Klimawandels wächst der Bedarf rasant. Weltweit kann ein schneller Zuwachs an derartigen Projekten beobachtet werden. Das nicht schon längst mehr Wasser entsalzt wird, hat jedoch verschiedene Gründe.

Viel Energie ist notwendig

Meerwasserentsalzung ist um ein Vielfaches energieintensiver als die Trinkwasseraufbereitung aus Süßwasserressourcen. Traditionell kommen dabei fossile Energieträger zum Einsatz, was die Technologie bis heute ziemlich teuer macht und jede Menge CO2 freisetzt. Experten gehen jedoch davon aus, dass sich die Kosten beider Verfahren in nicht allzu ferner Zukunft angleichen könnten. Denn zum einen steigt die Energieeffizienz der Meerwasserentsalzungsanlagen stetig, das heißt, der Energiebedarf sinkt und kann in Zukunft auch mit erneuerbaren Energien beispielsweise aus Wasserstoff gedeckt werden. Zum anderen wird die Trinkwassergewinnung aus Süßwasser teurer, denn die nutzbare Menge nimmt ab, während der Aufwand für Ressourcenschutz und Aufbereitung steigt.

Sole: vom Umweltrisiko zum Rohstoff

Bei der Entsalzung von Meerwasser entstehen große Mengen an salzhaltiger Lauge, versetzt mit Chemikalien aus dem Aufbereitungsprozess. Dieses Abwasser wird meist direkt ins Meer eingeleitet, mit negativen Folgen für die Gewässerökologie. Zwar sind nur die ersten hundert Meter neben der Einleitstelle akut gefährdet, doch die Umweltrisiken sind hoch. Allerdings bahnt sich auch hier ein Wandel an. Die Forschung beschäftigt sich verstärkt mit der Nutzung der Sole als Rohstoff, denn Meerwasser enthält eine vergleichsweise hohe Konzentration verschiedener Stoffe, allen voran Natriumhydroxid (ein Hilfsmittel für den Aufbereitungsprozess, das bisher in großen Mengen zugekauft werden muss), aber zum Beispiel auch Lithium und Uran. Der Entsalzung wird sich also in Zukunft eine weitere Abwasseraufbereitung anschließen, mit der die zurückbleibende Sole stärker gereinigt werden kann.

Nicht frei von Gesundheitsrisiken

In einem aktuellen Fachbeitrag im „Desalination Journal“ verweisen die Autoren auf die Gesundheitsrisiken, die mit entsalztem Wasser einhergehen können. So werden dem Meerwasser mit der Technik der Umkehrosmose nicht nur Natriumionen entzogen, sondern auch alle anderen Mineralien, die das Wasser natürlicherweise besitzt. Einige davon, wie Calcium, Magnesium, Fluorid oder Jod, sind aber tatsächlich wichtig für den menschlichen Organismus. Oft wird das Wasser deshalb in einer Nachbehandlung remineralisiert, wo möglich, wird es mit anderem Wasser gemischt. In Ländern mit hoher Abhängigkeit von entsalztem Wasser konnte in Studien aber dennoch ein hohes Mineraliendefizit bei Menschen nachgewiesen werden, die dieses Wasser schon über einen längeren Zeitraum konsumieren.

Bis die Meerwasserentsalzung eine nachhaltige Technologie ist und der Gewinnung von Trinkwasser aus Süßwasserressourcen gleichwertig, wird noch einige Zeit vergehen. Dass jedoch für viele Regionen und Orte angesichts des Klimawandels und übernutzter Süßwasserressourcen in Zukunft kein Weg daran vorbeigeht, ist unbestritten. Denn schon heute ist Meerwasserentsalzung für viele keine Wahlentscheidung mehr, sondern ein notwendiges Muss.

Quelle:

M. Ayaz et. al.: Sustainable seawater desalination: Current status, environmental
implications and future expectations. Desalination Journal, 2022

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